Körperfett regulieren – Teil 2 Cortisol

Im ersten Teil des Artikels ging es um ziemlich elementare Informationen zum Thema Körperfettverteilung aufgrund von hormonellen Dysbalancen, am Beispiel Cortisol und Estrogen. In diesem Artikel möchte ich etwas tiefer in das Thema Stress und Cortisol eindringen und versuchen zu verdeutlichen welchen Einfluß Stress auf unsere Körperkomposition hat.

Stress und „Cortisol“ 

Wenn es um das Thema Stress geht, sollten wir einmal wissen, dass Costisol nicht nur das einzige Stresshormon ist. Cortisol zählt dabei zu den sog. Glucocorticoiden. Im weiteren gehe ich noch auf CRH (Corticotropin Release Hormon) und ACTH (Adrenocorticotropin) ein. Während CRH die Hypophyse stimuliert ACTH auszuschütten, stimuliert ACTH den Sympathikus (Fight und Flight Modus unseres Nervensystems) und bringt unser System so richtig in Fahrt. 

Funktion von Glucocorticoiden

Mit der Aktivierung des Sympathikus und der damit verbundenen Deaktivierung des Parasympathikus ist der erste Schritt getan, den „Stress Emergency“ auszulösen. Die Insulinausschüttung wird gehemmt, Glucocorticoide werden ausgeschüttet und die Speicherfunktion gestoppt, was den Transport von Nährstoffen in die Zellen verhindert. Sämtliche Energie wird benötigt, um mit dem Stressor fertig zu werden, weshalb unser System alle Depots anzapft und Proteine, Glycogen und Triglyceride abbaut, welche dann als Aminosäuren, Glucose, Fettsäuren und Glycerol im Blutstrom zur Verfügung stehen. Da Aminos keine wirklich gute Energiequelle darstellen, werden diese in die Leber transportiert, wo sie in einem Prozess namens Gluconeogenese in Glucose umgewandelt werden. Nun sind wir mit ausreichend Energie vorbereitet für die nächste Attacke. Da Glucocorticoide also die Gluconeogenese fördern, kann es bei chronischem Stress zum sog. Cushing Syndrom kommen (siehe Teil 1). Nicht verbrauchte Energie wird dann wieder abgespeichert und alles was noch im Blutstrom übrig ist kommt dann in unser Depot. Sogar die ehemaligen Proteine – umgewandelt von der Leber in Glukose – finden sich dann wieder in unseren Speichern.

Wie kommt es zur Apfelform? 

Glucocorticoide triggern dabei Fettzellen ein gewisses Enzym freizusetzen, welches dabei hilft die zirkulierenden Nähstoffe abzuspeichern. Die Fettzellen, welche von den Glucocorticoiden stimuliert werden, sind dabei keine Minderen als die Fettzellen, die sich in der Bauchregion befinden – hier ist das sog. viszerale Fett. Das heißt, alles was wir aus sämtlichen Depots während einer Stressphase an Energie mobilisiert haben (natürlich vor allem auch die Energie, die unser System aus dem ganzen Körper mobilisieren konnte, nicht nur aus der Bauchregion) und sich im Blutstrom befindet, sowie die zusätzlich aufgenommene Nahrung, wird dann vorwiegend in der Bauchregion gespeichert und bildet somit die Apfelform (s. Cushing Syndrom Teil 1: die Erscheinung des Apfels verstärkt sich, durch immer dünner werdende Extremitäten und die immer dicker werdender Bauchregion). Genau hier sitzt das unangenehme und gefährliche Bachfett, welches nicht nur unsexy ist, sondern vor allem das Risiko Stoffwechsel- und Herzkreislauferkrankungen zu bekommen deutlich erhöhen.

Auswirkungen auf das Ernährungsverhalten

Während Stress können wir zwei unterschiedliche Esstypen beobachten. Während sich 2/3 hyperphagisch verhalten (essen mehr), werden ca. 1/3 hypophagisch (essen weniger). Somit kann man sagen, dass Stress den Appetit deutlich beeinflusst. Was passiert aber nun genau in unserem System? Nun, wir wissen, dass wenn wir einem Stressor ausgesetzt sind, die Energiespeicherung erst einmal unterdrückt und gespeicherte Energie mobilisiert wird, um ausreichend Energie zur Verfügung zu stellen, den Stressor entgegenzutreten. In der Phase danach passiert demnach das exakt Entgegengesetzte. Ist der Stress vorüber, stoppt unser System die Mobilisierung von Energie und speichert Nährstoffe aus dem Blutstrom wieder ab und möchte mehr und mehr davon bekommen und speichern, der Appetit steigt also. 

Die Hormone

Das Hormonsystem funktioniert in diesem Zusammenhang vordergründig sehr verwirrend. Während ein Hormon ausgeschüttet wird, welches Appetit hervorruft, unterdrückt wiederum ein anderes Hormon den Appetit. Der zeitliche Ablauf spielt dabei allerdings die entscheidende Rolle. Während der Hypothalamus CRH in den ersten Sekunden bei Stress ausschüttet, benötigt die stimulierte Hypophyse ca. 15 Sekunden um das ACTH-Level steigen zu lassen. Das Glucocorticoid Level (wie Cortisol) hingegen benötigt mehrere Minuten, um im Blut anzusteigen. Während CRH seine Auswirkungen auf den Körper also innerhalb von Sekunden spüren lässt, wirken Glucocorticoide erst nach mehreren Minuten oder sogar Stunden. Demnach dauert es auch nur Sekunden, bis CRH aus dem Blutstrom abgebaut wird, hingegen kann es bei Glucocorticoiden mehrere Stunden dauern. In dieser Zeit befindet man sich eigentlich schon wieder in der Erholungsphase bzw. Nachstressphase, in welcher der Appetit angeregt wird und die Speicher wieder gefüllt werden, weshalb man Glucocorticoide eigentlich mehr als Regeneraitonsmittel sehen kann, als als Stressauslöser. Ist man also tagelang non stop Stress ausgesetzt, kann das zu tagelang erhöhten CRH und Glucocorticoidwerte führen, der Appetit wird unterdrückt (CRH übertrumpft in diesem Fall die Glucocorticoide). 

Das andere Szenario wäre, wenn wir regelmäßig wiederkehrenden Stressoren ausgesetzt wären, wie beispielsweise, wenn wir einen Vortrag halten müssen, am Morgen den Wecker nicht hören und fünfzehn Minuten verschlafen. Erst sind wir gestresst, weil wir denken, wir kommen zu spät zu unserem Termin. Der Stress lässt allerdings nach, sobald wir einschätzen können, dass wir es doch noch zeitig schaffen. Wenn wir dann aber im Stau stecken bleiben und die Zeit knapp wird, setzt der nächste Stressor ein. Rechtzeitig und wieder gelassen angekommen bemerken wir, dass wir unsere Aufzeichnungen vergessen haben, das Stresslevel steigt wieder, bis wir sie doch noch finden und das Level wieder sinkt usw. Wir sind dann quasi nicht ununterbrochenem Stress ausgesetzt, sondern dauernd wiederkehrenden Stressoren. Da Glucocorticoide eben sehr langsam abgebaut werden, führt das zu erhöhten Werten über den ganzen Tag hinweg. Der Appetit steigt dann, vor allem auf stärkehaltiges und Süßes (Mary Dallman fand heraus, dass Süßigkeiten als sog. Stresssenker wirken und das Level an Glucocorticoiden und sogar sympathische Aktivitäten des Nervensystems senken können). Dh, all die Kuchen, Schokoladen und was wir sonst noch in uns hineinschieben findet sich am Ende wieder an der Plauze.

Indikationen für unterschiedliche Stresstypen

Stress hat viele verschiedene Gesichter und kann die verschiedensten Ursachen haben. Auslöser können Verdauung, Neurotransmitter, Nebenniere, Schilddrüse, Sex Hormone, der Glucose-Stoffwechsel, die Herzrate oder sogar die Atmung sei. Somit lassen sich auch unterschiedliche Stresstypen definieren. Die gängigsten Typen sind dabei „Gestresst und Müde“, „Gestresst und unter Strom stehend“, „Gestresst und mental erschöpft“, „Gestresst und Immunschwach“.

Gestresst und mental erschöpft

Für gestresst und mental erschöpfte Typen empfehle ich heiligen Basilikum und Brahmi zu supplementieren. Während Heiliger Basilikum häufig eingesetzt wird gegen kognitive Störungen und wegen seiner positiven Eigenschaften bei Alzheimer und Demenz, stärkt Brahms die Mental- und Nebennierenfunktionen, und unterstützt bei der Blutreinigung.

Gestresst und müde

Der gestresste und müde typ ist apathisch und depressiv., hat möglicherweise Verdauungsprobleme und wenig Sex Drive. Ich empfehle Ginseng. Ginseng wirkt ausgleichend auf die HPA Achse (Hypothalamushypophysennebennierenaachse) und verbessert die Cortisol Sensitivität. Cordyceps verstärkt dabei die Effekte von Ginseng und stärkt den Körper nach hoher Belastung. Cordyceps kann zudem Blutzucker und Blutfette reduzieren und das Immunsystem stärken. Eine zusätzliche Supplementierung von Rhodiola und Ashwaganda stärkt die mentale und physische Leistungsfähigkeit.

Gestresst und unter Strom stehend

Meist nervös, unruhig, zappelig, aufgewühlt oder leicht abzulenken. Nachts aufwachen ist nicht unnormal. Ich empfehle einen Mix an Kräutern der TCM, die das ZNS unterstützen, Entgiftung und die normale Funktion der HPA Achse unterstützen sowie beruhigend wirken. Verwende dabei z.B. einen Mix aus Rehmanniawurzel, Amla und Ginseng.

Gestresst und Immunschwach

Oft altersbedingte Herz-Kreislaufbeschwerden und Atemprobleme. Die TCM empfiehlt dabei Reishi zu supplementieren. Reihst ist auch als King of the Herbs bekannt und hat vielfältige Wirkungen , wie Immunstimulierung, Anti-Tumor Wirkungen, adaptogen Wirkungen (Stressausgleichend), Blutdruck und Cholesterin senkend. 

(Zusätzlich empfiehlt es sich ausreichend Magnesiumbisglycinat, Zinkbisglycinat, EPA/DHA und B Vitamine zu supplemtieren).

Stress ist die Krankheit des 21. Jh. und rührt nicht weniger von immer größer werdenden Leistungsdruck und Informationsflut. Nicht nur Burn-Out sondern (Rücken-) Schmerzen, psychische Krankheiten, Adipositas usw. sind das Resultat. Mit gutem Schlaf und einer ausgewogenen Ernährung und Supplementation sowie Lifestyleanpassungen (Teil 1) können wir einen entscheidenden Beitrag dazu leisten dem entgegenzuwirken. 

LIVE BETTER – Every Day!

Sebastian

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Quellen:

Björntorp, P. 1997. Hormonal Control of regional fat distribution. Human Reproduction. Vol. 12 Supplement 1.

Lee, M-J, Pramyothin, P, Karastergiou, K, Fried, SK. 2014. Deconstructing the roles of glucocorticoids in adipose tissue biology and the development of central obesity. Biochimica et Biophysica Acta (BBA) – Molecular Basis of Disease. Vol. 1842, 3, March, Pages 473-481.

Rebuffé-Scrive, M., Steroid hormones and distribution of adipose tissue. Acta Medical Scandinavia. 723 (1989).

Turnbull, A., und Revier, C. CRF and endocrine Responses to stress; CRF receptors, binding protein, and related peptides. Proceedings of the Society for Experimental Biology and Medicine 215 (1997)

McEwen, B., de Kloet, E und Rostine W., Adrenal steroid receptors and actions in the nervous system. Physiological Reviews 66 (1986): 1121.

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