Erfahrungsbericht – Vipassana

Nachdem ich offiziell im Vipula Meditations Center in Neu Mumbai eingecheckt war und mich meinem 10-tägigen Leben als Mönch hingab wünschte ich mir schon eine Uhr wie Michael Knight zu haben, der Kitt in brenzlichen Situationen anfunkte „Kumpel hol mich hier raus“,- hatte ich aber nicht und einen Buddy Kitt, der mich abholen konnte und mit tourbo boost durch Betonmauern springt erst recht nicht.

Das Meditation Center war ein ziemlich heruntergekommenes Gebäude, ich hatte eher einen Hindu Tempel oder irgendetwas spirituelles, religiöses oder dergleichen erwartet. Ich hatte mich ja vorab nicht informiert, auf was ich mich da nun einlasse. Ich wusste nicht einmal was Vipassana überhaupt ist und wollte das „Abenteuer“ einfach mal passieren lassen. Eine gute Freundin, Neleke aus Bali, hatte mir einmal davon erzählt und ich fand es irgendwie faszinierend. Was Sie mir erzählte war aber nicht mehr, als dass man den ganzen Tag meditiert und man die ersten zwei Tage wohl total abkackt, man ab dem dritten Tag aber wohl zum superhero mutiert, Moskitos regungslos beobachtet, wie sie einem den Stachel unter die Haut rammen, man das aber weder als unangenehm empfindet bzw. sogar davon nicht einmal eine Hautirritation davonträgt – so war zumindest meine Auffassung davon, sie hatte es sicherlich anders erzählt:) Meine Reaktion war, wow, das ist ja verrückt, aber nichts für mich, das würde ich nie schaffen, mit meinen Hummeln im Arsch.

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Tag 1

Es ging los. Um 4:00 Uhr klingelte die Mönchsglocke durch das Meditations Center, wie in der Schule, einem Internat oder einem Kloster. Nach 18 Mal bimmeln und ca. 5 Minuten imaginärem Snooze hieß es aufstehen und fertigmachen für die Morgenmeditation um 4:30 Uhr. Wouw das war früh, aber ich war voller Tatendrang. Dieser legte sich allerdings tatsächlich sehr schnell, als ich mich in der Dhamma-Hall (Meditationsraum) auf meinem Sitzkissen mit 100 anderen „Mönchen“ befand und ich wohl schon nach einer Stunde nicht mehr wirklich wusste mich ohne Schmerzen in den Hüften, Knien, Sprunggelenken und unterem Rücken hinzusetzen. Zumal man dazu angehalten war im Schneidersitz mit gradem Rücken zu sitzen und sich nur auf seinen Atem zu konzentrieren. Nur das ein- und ausatmen!!

Uargghhh, nach zwei Stunden hieß es dann Pause und es gab Frühstück. Ich war gespannt was nun kam, da wir ja in den 10 Tagen nur vegetarisch versorgt wurden und ich als Fleischesser mich nicht erinnern kann eine Woche meines Lebens kein Fleisch gegessen zu haben. Das Frühstück war allerdings überragend gut und ich stand total auf Khiir, ich denke es ist indischer Milchreis. Nachdem Frühstück gab es eine Stunde Rest, in der ich mich nach fünf Runden Rundgang auf der Terrasse in meine Zelle verkroch und meinem Arsch und Rücken eine Auszeit gab, bevor es in die nächste Runde ging. Nach der kurzen Nacht in Sekunden im Tiefschlaf gelandet, bimmelte es schon wieder zum einstündigen Groupsitting (im Verlauf verwende ich öfters englische Ausdrücke, da der Kurs in englischer Sprache stattfand), gefolgt von fünf Minuten Pause und einer weiteren 2-Stunden Einheit.

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Die Glocke bimmelte zum Mittagessen und nun war ich tatsächlich schon reif das Weite zu Suchen und fragte mich nur, warum ich mich schon wieder auf so eine Scheiße eingelassen habe, und spielte nun schon mit dem Gedanken auszusteigen. Was für ein Massaker. Stundenlang sitzen und sich ausschließlich auf seinen Atem konzentrieren. Natürlich klappte das nicht, vor allem nicht für mich, der noch nie vorher meditiert hatte. Anstatt mich auf meinem Atem zu konzentrieren wandered the mind away, wie der Lehrer immer sagte, also der Verstand wanderte. Es war mir nicht möglich mich auch nur für ein paar Minuten am Stück darauf zu konzentrieren, sofort war ich mit meinen Gedanken hier und da, aber nicht beim ein-und ausatmen.

Nun gab es erst einmal etwas zu essen. Es gab eigentlich jeden Tag Reis, zwei indische Saucen mit Gemüse, von denen ich eigentlich nie wusste was genau ich da wirklich ass, dazu „Salat“, bestehend aus Gurken und Möhren, ohne Dressing, und Kartoffeln gemixt mit einem weiteren indischen Gemüse – meistens nicht zu identifizieren. Das wars für 10 Tage. Serviert wird natürlich selbst, in der Dining-Hall (Essraum) aus Töpfen, die in der Mitte der Hall stehen, auf einem Edelstahltablett. Fuck, ich kam mir vor wie im Knast, wobei Knast wohl halb so anstrengt war, in Anbetracht des täglichen 10-stündigen Sitzens. Nach dem Essen musste ich mich erstmal wieder in meiner Zellen flach legen, ich war total am Ende. Wieder viel ich sofort in einen Tiefschlaf – ein Jetleg steckte mir wohl auch noch in den Beinen. Wieder geweckt von der Mönchsglocke ging es Nachmittag wieder in die Dhamma-Hall mit ähnlichem Programm wie Vormittag, ingesamt täglich 10 Stunden meditieren und sich einzig und allein in ein-bzw. zweistündigen Sessions nichts als auf seinen Atem zu konzentrieren.

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Abgeschlossen wurde jeder einzelne Tag dann mit einem zweistündigen Diskours in DVD-Format, wozu englischsprachige Schüler dann in die Mini-hall wechselten und englisch fernsehen dürften, wobei natürlich sofort klar wurde, dass das hier nicht der Unterhaltung galt, sondern der Vertiefung der „Technik“ und der Philosophie. Vor der Kamera saß ein sehr sympathischer Vipassana Lehrer namens Goenka, der hier jeden Abend seine Weisheiten zum Besten gab. Er vermittelte jedenfalls Kraft und Motivation mich in den zweiten Tag zu retten.

Tag 2

Punkt 4:00 Uhr bimmel, bimmel, bimmel, die Mönchsglocke. Da der Stundenplan täglich gleich abläuft wusste ich ja natürlich was mich erwartet. Nur Beobachten hieß es wieder von unserem Lehrer. Keine Reaktion zeigen und sich nur auf ein- und ausatmen konzentrieren, diesmal aber punktuell, nur auf den Bereich, der das Dreieck Nase und Oberlippe einschließt. Nur Sensations (Gefühle, Sinneseindrücke) beobachten, die dort auftreten. Wärme, Kälte, Kitzeln, Vibration, was auch immer, die Message lautet einfach nur beobachten ohne irgendeine Regung, ob positiv oder negativ – was ne Ernüchterung.

Da ich inmitten 100 Inder – inkl. mir waren es max. fünf Nichtinder – saß und ich ja reichlich Zeit hatte, und mir der persönliche Bezug zu den einzelnen Leuten fehlte, da man ja nicht kommunizieren durfte, gab ich so ziemlich mind. der Hälfte meiner Meditations-Kollegen einen Namen. Den Frauen allerdings nicht, da diese auf der rechten Seite der Dhaka Hall saßen und auch in einem anderen Trakt untergebracht waren, somit fehlte mir der Bezug. Ich war ziemlich kreativ und ich fand Spaß daran, und jedes Mal wenn jemand an mir vorbei ging grüßte ich Ihn innerlich. Ich möchte die Namen ungern vergessen, deshalb versuche ich mal so viele wie möglich hier niederzuschreiben. Goenka war für mich Mr. Buddha, unser Lehrer war der Alte, der mich wirklich amüsierte, da nicht ein Tag verging an dem er es nicht allein auf die Reihe brachte die Licht und Soundanlage zu betätigen. Vor mir saßen: Tuareg, der Pate, Psycho Doc, Insight, der Eilige, the Jacket Man, Fußballer 1 und der Schulbua (bayr.). Neben mir: die Tigerkralle, Milhouse, der Widerling 2. Seitlich: Yoda, der Weise, Escobar und der Manager (der übrigens wirklich Manager ist und mit dem ich anschließend eine Woche in Goa verbrachte). Hinter mir: Fußballer 2, Sindbad, Widerling 1, Robin 1, Robin 2, Buddha Man, Anakin, der Doc, der Franzose, der Schwede, der Supermeditierer. Dann waren da noch die Assistenz-Lehrer: der Nette, der Nervige und die Lokomotive. Leider hab ich auch schon ein paar vergessen…

Mittags nahm ich meine erste „Dusche“. Meine Zelle war in der Tat wie im Knast. Ca. 3,5x3m^2 groß mit nochmal halb so großem Badezimmer. Die „Dusche“ eigentlich nur ein Wasserhahn mit Eimern, die man füllen musste und sich anschießend das Wasser überkippte. Brrrr, ich war wieder frisch und wach für die Nachmittagseinheit, Meditieren und Beobachten klappte aber nicht und wollte beim besten Willen einfach nicht klappen, zudem war der Schmerz kaum erträglich und am Ende der zweiten Tages überlegte ich schon wie ich das Ding abbreche. Aber ich hatte ja einen kleinen Lichtblick, laut Neleke mutiere ich ja ab morgen zum Supermeditierer und meditiere Moskitos, Schmerzen und weiß der Geier was noch, alles weg.

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Tag 3

Das morgendlichen Aufstehen um 4:00 machte mir schon nichts mehr. Das Tagesprogramm vielmehr schon. The mind kept wandering away and away – der Verstand wanderte und wanderte. Anstatt zu Beobachten hatte ich 1000e andere Sachen im Kopf. Gedanken über meine Ideen, die es zuhause umzusetzen galt (ich kam ja grade von meiner kreativen Auszeit in Kalifornien), meine Freundin, es machte sich bemerkbar, dass wir uns in nur dreieinhalb Monaten für eine Woche gesehen haben – ich vermisste sie – und alles mögliche andere aber nur kein Ein-und Ausatmen. Die Superkräfte blieben aus und ich war endgültig soweit das Handtuch zu werfen. Aggressionen kochten in mir hoch und ich hatte das Gefühl den Laden auseinander nehmen zu wollen und alles kurz und klein zu machen. Aber es liegt in der Natur meiner Person, dass ich Dinge nicht einfach abbreche und ich wollte mich durch diese ‚Hölle‘ kämpfen, deswegen war ich ja auch hier, meinen Kopf zu besiegen. Irgendwie stehe ich auf diese mentalen Herausforderungen, weshalb ich mich auch immer auf solche Sachen einlasse, nur Vipassana war eine ganz andere Hausnummer im Kampf gegen meinen Kopf.

Wie kam ich also dazu mich zu entschließen mich auf dieses Mönchsleben einzulassen? Nun ich befand mich grade auf meiner „kreativen Auszeit“ und musste aus Visagründen früher als geplant das Land verlassen. Für mich öffnete das aber eine neue Chance, ausserdem hatte ich all meine Pläne in den USA bereits umgesetzt und ich war eigentlich ready to go home mit reichlich Input, mein neues Leben zuhause zu starten und Ideen umzusetzen. Nun gab es ein Problem, es war tiefster Winter in Deutschland und ich hatte absolut keine Lust auf eisige Temperaturen, ausserdem hatte ich meine Wohnung für insgesamt 6,5 Monate untervermietet und konnte erst in 2 Monaten einziehen. Da der Vipassana-Gedanke von Neleke mir schon seitdem ich Deutschland verlassen hatte im Kopf herumspukte und ich der Meinung war, das würde sich optimal mit meiner kreativen Auszeit ergänzen, spielte ich bereits mit dem Gedanken Vipassana in den USA zu machen. So kam eines zum anderen und ich dachte mir, wenn ich schon die USA verlassen muss, warum dann nicht nach Indien gehen, wo Vipassana seine Ursprünge hat. So buchte ich mir kurzerhand einen Flug nach Indien und war zwei Wochen später in Mumbai.

Tag 4, 5 und 6

Goenka versprühte in seinem Diskurs am Vorabend wieder Motivation, und irgendwie mochte ich den Kerl unheimlich. Ich hab mich gefragt, wer ist das eigentlich? Er machte den Eindruck ‚den Laden zu führen‘ und wirkte für mich wie Buddha höchstpersönlich. Sehr sympathisch, weise, intelligent, philosophisch, gebildet, und Supermetierer. Er saß während seines Vortrags für zwei Stunden im Schneidersitz und zuckte mit keiner Wimper. Für mich war er die Reinkarnation Buddhas.

Tag 4 hieß für uns, die Technik Vipassana zu lernen, was für mich wieder Neuland war, es gab also eine Technik. Yes, endlich komme ich raus aus dem Misery (Misery wurde von den Lehrern häufig benutzt)/Elend. Nun, ich versuche erstmal zu beschreiben was Dhamma bedeutet, um einen Eindruck zu vermittlen, um was es wirklich geht bei der ganzen Meditation. Dhamma bedeutet der Pfad, Natural Law, also Naturgesetz, die Lehrer heißen allerdings auch Dhamma, irgendwie ist es ein Ausdruck für die ganze Philosophie, wenn man das so beschreiben kann. Eine Religion ist es definitiv nicht, wird des öfteren ausdrücklich erläutert. (An dieser Stelle möchte in darauf hinweisen, dass dies ein Erfahrungsbericht ist und Unkorrektheiten in der Wiedergabe zu entschuldigen. Korrekturren sind sehr erwünscht und können gerne direkt an mich gerichtet werden.) Dhamma durchlebt man in drei Schritten: Shila, das Mönchsleben, also Aufgeben von Handy, Computer, Büchern, Schreibmittel, sexuellen Begehrens und Komfortablem Bett etc. Auch das Aufstehen um 4:00 und hartes Arbeiten/Meditieren bis 21:30 Uhr gehörte zu Shila. Anschließend folgt Samadi. In dieser Phase wird der Verstand geschärft. Dies erfolgt durch die Observierung des Nasenbereichs sowie der Oberlippe. Sobald man diese Stufe meistert erreicht man Punja, was das oberste Ziel von Dhamma ist. Die Purifikation des Verstandes. Die Liberation bzw. Befreiung. Das Ziel ist Selbstliebe und das Besiegen des inneren Elends, weshalb Vipassana auch häufig bei psychischen Krankheiten erfolgreich eingesetzt wird. Metapama schließt eine jede Mediation ab. In diesen Letzten Minuten trägt man die Liebe, die man erfährt nach Aussen und teilt Sie mit seinen Mitmenschen. Vipassana bedeutet so viel wie die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind, und gilt als universelles Heilmittel gegen universelle Krankheiten sowie als Kunst zu leben – The Art of Life. Die Technik hilft dazu, Punja zu erreichen und den Verstand zu schärfen, sich nur auf die eigenen Empfindungen zu konzentrieren und äussere Einflüsse oder Sensations zu ignorieren. Nur so kann man auch im Alltag aus dem täglichen Elend befreit werden, indem man positive, als auch negative Gefühle lediglich beobachtet, aber sich nicht davon leiten lässt, also nicht das ein oder andere Gefühl vorzieht. Laut Anitscha ist die Charakteristik von Sensations stets dieselbe. Sie entstehen und verschwinden wieder. Mit diesem Wissen wird im Alltag beispielsweise von Hass, Abneigung, Unbehagen, Gewalt etc. gegenüber Anderen Abstand genommen und die Konzentration auf sich selbst gelenkt. Warum verspüre ich Abneigung gegen diese und jene Person? Durch Beobachtung des eigenen Atems, sowie der entstehenden Sensations ohne Wertung, wird einem bewusst, dass man selbst für das Auslösen dieses Gefühle verantwortlich ist. Durch Stärkung der Selbstliebe erfolgt dann die Liberation und die Purifikationen des Verstandes.

Die Technik bestand nun darin, zum einen natürlich aware, also aufmerksam zu sein, fokussiert auf seine eigenen Sensations. Nun aber nicht mehr nur auf der Lippe, sondern auf Körperteil für Körperteil von Kopf bis Fuß zu achten. Selbstverständlich wieder mit Anitscha. Mit der Charakteristik von Arising and Passig Away, ohne ein Gefühl mehr oder weniger zu bevorzugen, sondern einzig und alleine zu beobachten.

Puhhh, das ging besser. Irgendwie hatte man nun eine Aufgabe und nicht nur die blöde Oberlippe. Die allerdings wohl sehr wichtig war, um den Verstand auf eine sehr kleine Stelle zu fokussieren und damit zu schärfen. Der Start mit der Technik fiel mir um einiges leichter und irgendwie war ich auch an Tag 4 schon freier in meinem Verstand und die Sensations wurden immer stärker spürbar. Ich beobachtete meinen Körper von der obersten Haarspitze bis zum Zehennagel und jede darin entstehende Sensation. Über die Tage 5 und 6 wurde die Technik ausgeweitet auf einen synchronen Verlauf über beide Arme und Beine von oben nach unten, bis hin zum Flow, dem fließenden Verlauf der Gefühle von Kopf bis Fuß zu folgen. Man scannt den Körper von oben bis unten.

Tag 7, 8 und 9

Die Tage verliefen mit Ups und Downs, wobei wohl Tag 6 als letzte Hürde für uns galt. Für mich war allerdings so ziemlich jeder Tag eine Hürde, weil es weiter sehr anstrengend war jeden Tag 10 Stunden zu sitzen und zu meditieren. Oft war es so, dass ich nach einer guten einstündigen Session, gefolgt von einer zweistundend Session wieder ein Down hatte, da es einfach sehr viel war. Man konnte auch nicht einfach mal raus und seine Füße vertreten, ohne dass der Nervige wieder ankam und seinen Arm in Richtung Dhamma-Hall bewegte und damit aufforderte wieder zurückzukehren (in anderen Einrichtung, wohl u.a. in Europa soll das anders sein, berichteten ältere Studenten). Nun der Nervige und ich hatte so ein paar Begegnungen:)) Aber ich versuchte natürlich durchzuhalten und auch die zwei Stunden abzumeditieren, was aber sehr anstrengend war.

An Tag 7 hatte ich dann die bis dato ‚beste Meditation‘ – man soll ja nicht schöne Sensations bevorzugen, aber an dem Tag hatte ich ein abgefahrenes Erlebnis. Der Flow und die entstehenden Sensations waren unglaublich stark, so dass ich über die volle Stunde Groupsitting ein Vibrieren am ganzen Körper verspürte. Ich fühlte mich wie ein Vulkan, der kurz davor war auszubrechen. Wo auch immer ich meine Awareness hinlenkte kribbelte und sprudelte es auf und unter meiner Haut. Das Gefühl war wirklich unglaublich intensiv. Ich denke ich war dabei auch zu 100% auf meine Awareness konzentriert und hatte meine Gedanken völlig auf die Sensations gerichtet – kein Wandering Away mehr.

Bis zum neunten Tag gab es dann noch hier und da Anpassungen bei der Technik – am Ende sollten wir dann nicht nur oberflächliche Sensations wahrnehmen, sondern auch innerhalb des Körpers. Am Abend des vorletzten Tages stimmte dann Goenka auf den letzten Tag ein, sein Vortrag verblüffte mich wieder einmal und das Erste was ich nach den 10 Tagen bei Google eingeben wollte, war sein Name, um zu checken wer der Kerl war. Das war allerdings nicht nötig, denn am Ende des 10. Tages durften wir noch eine Dokumentation über Vipassana schauen, in welcher auch der Hintergrund zu Goenka deutlich wurde.

Bevor ich aber noch auf Goenka selbst eingehe denke ich ist es sinnvoll noch die Geschichte über Vipassana anzuschneiden. Als Buddha vor über 2500 Jahren diese Technik praktizierte galt sie als die reinste Form, welche auch nur dadurch zum Ziel der Liberation führt. Nach Buddhas tot wurde Vipassana dann in seiner reinsten Form zuletzt durch den damaligen König weitergegeben. Dieser war zu seiner Zeit bekannt als der König des Schreckens, da er sein Volk gnadenlos ermorden ließ. Als Selbiger König allerdings mit Vipassana in Kontakt kam änderte er seinen Namen nicht nur in König der Güte, sondern auch sein Ansehen in der Bevölkerung änderte sich dementsprechend. Durch einen Kurswechsel in seinem Führungsstil hin zu Güte, Harmonie und Mitgefühl verehrte ihn sein Volk von nun an. Ab diesem Zeitpunkt gab er sich auch als Vipassana Lehrer und verbreitete die Technik bis zu seinem Tode. Vor seinem Dahinscheiden prophezeite er jedoch, dass die Technik in den nächsten Jahren verschwinde und erst wieder in 2500 Jahren zum Leben erweckt würde. Nun war es so, dass ca. 25 Jh. später ein sehr erfolgreicher junger Geschäftsmann aus reichem Hause in Myanmar mit Vipassana in Kontakt kam. Goenka, der schon in der 10. Klasse als bester Schüler Myanmars galt, stieg nach dem Abschluss seiner schulischen Ausbildung ins Familiengeschäft ein und wurde sehr schnell zu einem der erfolgreichsten Unternehmer des Landes. Er gründete mehrere Firmen, hatte diverse Positionen als Direktor oder Präsident verschiedenster Einrichtungen inne und galt schon in seinen 20er Jahren als einer der einflussreichste und richtungsweisendsten Unternehmer Myanmars. Der Preis für seinen Erfolg war jedoch eine starke und lähmenden Migräne, die nicht einmal von den besten Ärzten des Landes geheilt werden konnte. So reiste Goenka nach Japan, Deutschland, England, USA und in viele weitere Länder, immer vergebens auf der Suchen nach den besten Ärzten, in der Hoffnung seine Migräne zu heilen. Nach seiner Heimkehr empfahl ihm dann ein Freund einen 10-Tages Vipassana Kurs zu besuchen. Nach anfänglichem Zögern aufgrund seines Glaubens (Hindu) besuchte er 1956 seinen ersten Kurs bei Ba Khin, der ihn anschließend über 14 Jahre zum Lehrer ausbildete. Goenka behandelte dadurch nicht nur seine Migräne sondern fand vielmehr noch seinen lange ersehnten inneren Frieden. Als seine Mutter Ende der 60er Jahre, damals in Indien lebend, krank wurde, reiste Goenka zu seiner Familie, um mit ihnen Vipassana zu praktizieren. Seine Kurse wurden dann auch von Freunden und immer mehr und mehr Begeisterten besucht. Es entstanden auch immer mehr Kurse. Vipassana verbreitete sich von nun an rasend schnell über ganz Indien, als auch über die Landesgrenzen hinaus. Bis heute gibt es über 200 Einrichtungen auf der ganzen Welt, sowie über 1200 ausgebildete Lehrer. 2013 starb Goenka mit über 90 im Jahren.

Tag 10

Der letzte Tag startete wieder mit der Bimmelglocke. Auf diesen Tag hatte ich seit 10 Tagen gewartet und freute mich wahnsinnig darauf. Ab 10 Uhr durfte man wieder sprechen und man bekam Mittags seine Wertsachen und Handy zurück (somit konnte ich auch die eingefügten Bilder machen), das Morgenprogramm bis 10 war allerdings wie gewohnt. Sehr ungewohnt wieder zu sprechen, ich kam sofort in eine längere Unterhaltung mit zwei sehr netten Indern, Krischna und Pitu (Bild unten), ihre Spitznamen. Dann ging es weiter, die Inder versammelte sich schon regelrecht um mich, als sie erfuhren, dass ich etwas mit Training am Hut hatte. Jeder wollte Tips und hatte Fragen über Fragen, aber sehr sehr nett und zuvorkommend. Ich war überwältigt von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Irgendwann musste ich mich allerdings wieder in meine Zelle zurückziehen, weil mir das nach 10 Tagen Schweigen zu viel wurde, das ging ohne Pause von einem zum anderen und Krischna und Pitu hingen mir sowieso ständig an der Backe. Als ich dann mit dem Franzosen (siehe meine Namensgebeung), der eigentlich Portugiese war, über Faszien und Mobility ins Gespräch kam und ihm meine Triggerballs leihte und ihm zeigte wie er sie korrekt einzusetzen habe, hatte ich sofort wieder 10-15 Inder um mich herum versammelt.

Nach Aushändigung all unserer Sachen ging es dann allerdings noch zum letzten Groupsitting. Und dieses Erlebnis war für mich mindblowing. Der Flow am letzten Tag war wieder sehr sehr stark und während der einstündigen Sitzung hatte ich von Anfang bis Ende Gänsehaut. Wo auch immer ich meine Awareness hinlenkte, das Gefühl war unglaublich intensiv und die Gänsehaut kam und ging, von oben nach unten, von Körperteil zu Körperteil. Ich war wahnsinnig beeindruckt von diesem letzten Erlebnis und mein Verstand fühlte sich irgendwie frei und sehr fokussiert an. Ich war dermaßen überwältigt, nicht nur von den Gefühlen, sondern in welche Sphären man mit dieser Technik vordringen kann, dass ich noch weitere 10 Tage dranhängen konnte, vielleicht;)

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Fast ebenso beeindruckend war dann das Abendentertainment, die Videodokumentation über Vipassana in Gefängnissen. In der Nähe von Delhi befindet sich das weltweit größte Gefängnis mit über 10.000 Insassen. Die Zustände sind unmenschlich und allein für Taschendiebstahl müssen die Inhaftierten sechs Jahre lang auf ihre Anhörung warten. Von Resozialisierung ist keine Rede. Ein Handtaschendieb oder Cannabiskonsument kommt nachhause mit einem Diplom als Schwergangster. Als sich das Gefängnismanagement änderte, sollte sich so einiges ändern. Im Vordergrund stand die Humanisierung und Resozialisierung. Aber wie in solch einem Gefängnis? Nach etlichen Versuchen kam ein Wärter mit der Lösung – Vipassana. Die Gefängnisdirektorin nahm umgehend Kontakt mit Goenka auf. Nun war es nicht so leicht die Vipassanarichlinien mit denen des Gefängnisses konform zu bringen, aber am Ende ließ man sich auf jede Vorgabe von Goenka ein und machte einen Testdurchgang mit 100 Inhaftierten. Als man zu Beginn die Inhaftierten in Handschellen zur Dhamma-Hall brachte, brach Goenka das Vorhaben wieder ab – man könne Vipassana nicht in Handschellen praktizieren. Und obwohl das Gefängnismanagement warnte, dass es nicht unwahrscheinlich sei, dass einer der Teilnehmer einen Mordversuch starte, akzeptierte man Goenkas Wunsch, postierte einen Wachmann, und startete die ersten 10 Tage. Goenka zog mit seiner Frau für 11 Tage ins Gefängnis ein und startete die erste erfolgreiche Vipassana Sitzung in einem Gefängnis. Aber 100 waren im Vergleich zu 10.000 Insassen nur ein Tropfen auf den heißen Stein. So startete man anschließend erstmals eine 1000 Mann große 10-Tages Vipassana Meditation in einem Gefängnis, mit bahnbrechendem Erfolg. Die meisten der Häftlinge fanden Ihren inneren Frieden und sahen zum ersten Mal in Ihrem Leben Ihre Handlungen als unrecht an und änderten von fortan Ihr Leben. Mit dieser Aktion legte man den Grundstein für eine nicht nur landesweite, sondern auch internationale Sensation. Seitdem wird Vipassana erfolgreich in sämtlichen Gefängnissen, national als auch international als Resozialisierungsmaßnahme praktiziert.

Fazit

Da ich ohne jegliche Erwartung in dieses Erlebnis ging und auch keinerlei Informationen über Vipassana hatte, ist mein Eindruck sicherlich noch intensiver als bei anderen Teilnehmern – es war mindblowing! Zum einen bin ich überwältigt von der ganzen Philosophie, der Geschichte und den Ergebnissen sowie dem was alles damit erreicht werden kann, zum anderen aber bin ich beeindruckt von meinen eigenen Erlebnissen. Da es tatsächlich kein Kinderspiel ist und man wirklich harte Arbeit leisten muss, gab es bei mir auch viele Downs, Abbruchgedanken und Gedanken damit nie wieder in Kontakt kommen zu wollen – 10 Stunden täglich ein und dasselbe zu machen ist eben anstrengend. Man spielt ja auch nicht 10 Stunden täglich Fußball, geht Schwimmen oder liest ein Buch.

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Das änderte sich glücklicherweise zum Ende hin und auch wenn ich, wie von Goenka empfohlen zukünftig mind. täglich zwei Stunden meditieren sollte, sicherlich nicht umsetzen werde, versuche ich in irgendeiner Form die Meditation und vor allem die Philosophie in mein Leben sowie Tages- und Wochenablauf zu integrieren. Ich denke ein nächster Schritt könnte sein, zu Dienen, also als Volunteers bei einer 10- oder auch 3-Tages Session mitzuhelfen. Vipassana The Art of Life, ein unglaubliches Erlebnis. Empfehlenswert vor allem vor Menschen mit psychischen Problemen, um sich aus dem Elend zu befreien und den Verstand zu reinigen.

Nachtrag: 3 Monate später

Echt cool diese 10 Seiten nochmal durchzulesen und das Erlebnis nochmal revue passieren zu lassen. Abgefahrene 10 Tage. Was ist passiert in den letzten drei Monaten? Die Vipassana Philosophie ist nach wie vor ein Teil von meinem Leben – hätte ich mir bis zum fünften Tag nicht gedacht;) Die Kunst des Lebens macht das Leben um einiges liebevoller und lebenswerter. Im Schnitt meditiere ich jeden zweiten bzw. mind jeden dritten Tag für 30mins. Das gibt wirklich richtig viel Energie und Liebe. Ausserdem möchte ich dieses Jahr noch „dienen“ oder einen 3-Tages Kurz besuchen – Unbedint. Unfassbar wie mindblowing dieses Erlebnis war, wohl die beste Erfahrung meines Lebens. THE ART OF LIFE -VIPASSANA.

Tagesablauf

4:00 Uhr Aufstehen

4:30 – 6:30 Uhr Meditation

6:30 – 7:30 Uhr Frühstück und Morning Chanting

7:30 – 8:00 Uhr Rest

8:00 – 9:00 Groupsitting

9:00 – 11:00 Uhr Meditation

11:00 – 12:00 Uhr Mittag

12:00 – 13:00 Uhr Rest

13:00 – 14:30 Uhr Groupmeditation

14:30 – 15:30 Uhr Groupsitting

15:30 – 17:00 Uhr Meditation

17:00 – 18:00 Uhr Teepause

18:00 – 19:00 Uhr Groupsitting

19:00 – 21:00 Uhr Diskurs

21:00 – 21:30 Uhr Abendmeditation

21:30 Uhr Bettruhe

SD 15.03.2016

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